Die BVB-Krise: Sahin, Chancen und die Ungeduld (Teil 3)

Categories: Bundesliga, Spieler, Systeme
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Published on: 19. November 2011

Nach 17:1 Toren in den letzten fünf Heimspielen, Platz 2 in der Liga und dem ersten Champions League-Sieg ist der BVB endgültig aus dem öffentlichen Krisenbereich gerutscht. Dennoch hier Teil 3 der “Krisenanalyse”, da ich noch ein paar Erklärungen schuldig bin.

Bis zu besagtem CL-Sieg schwankte die Wahrnehmung schließlich noch etwas, obwohl man in der Liga längst den schwachen Start zurechtgebogen hatte. International war man nach den Gruppen-Hinspielen aber fast schon ausgeschieden. Diese Situation war auf kuriose Weise metaphorisch für den Zustand der Mannschaft. Vieles funktionierte in der Grundanlage gut, aber es waren immer wieder einzelne, entscheidende Dinge, die das Gesamtergebnis herunterzogen.

Die Ungeduld

Wie bereits in den ersten beiden Teilen skizziert, ist die Spielanlage des BVB stets eine sehr gute gewesen. Dass das Kollektivspiel gegen den Ball in Richtung Weltklasse geht, wusste man und das konnte zum Beispiel gegen Arsenal und in Unterzahl gegen Bremen bestätigt werden. Auch offensiv ist man gut aufgestellt. Nicht nur personell ist man stark besetzt, sondern auch das System ist wie beschrieben durchdacht konzipiert und seit letzter Saison noch weiterentwickelt worden. Das Problem ist, dass die Anlagen oft nicht mit aller Konsequenz zu Ende ausgespielt wurden. Klopp beschrieb das vor dem Augsburg-Spiel (und damit nach dem 0:3 in Marseille) so:

Die Konsequenz. Jetzt in beiden Bereichen – hinten schlagen wir den Ball nicht weg, vorne schlagen wir ihn nicht rein. Und das ist, glaub ich, schon der Situation geschuldet, dass selbst ein 0:0 jetzt irgendwie kein Zwischenergebnis ist, das bei uns zu aktzeptieren ist, sondern “Warum nicht schon…?”. Das ist die Einschätzung von außen auf uns und intern ist es bestimmt auch ein bisschen so. Also weniger das Trainerteam. (…) Und daraus resultieren so Dinge, dass man Bälle möglicherweise nicht wegschlägt, sondern sie im Spiel halten will.

[Nach der angesprochenen Ungeduld befragt:]

Wir haben dann nicht das perfekte Timing für unser Passspiel; das heißt, wir spielen den Ball vorne rein. Gestern nach dem 0:1, auf einmal aus dem Nichts, haben die zwei, drei Riesenkonterchancen. (…) Wir, die für sich in Anspruch nehmen, dass wir defensivtaktisch auf einem ganz hohen Niveau agieren, lassen es dann zu, dass wir einen Ball vorne reinspielen, der nicht abgesichert ist. (…) Das ist die Geduld, die ich dann meine. Nach dem Hertha-Spiel haben wir drüber gesprochen. Da haben wahrscheinlich die meisten Leute gedacht, “nun schießt doch mal”. Gegen Hertha hätten wir noch zwei Mal verlagern müssen, bis der Raum dagewesen wäre.

Wenn man Ballbesitz-orientiert agiert und sich auf Kurzpassspiel fokusiert, dann muss man das Spiel kontrollieren. Dazu muss man schlichtweg geduldig und intelligent genug sein, die Räume zu nutzen, die man sich herausspielt. Man muss in Bereichen operieren, die man numerisch dominiert, und andere Bereiche möglichst schnell durchqueren oder überbrücken. Man darf sich nicht zu schnell dazu verleiten lassen, den Ball dorthin zu bringen, wo der Gegner ihn erobern will.

Genau dazu ließ sich der BVB in einigen Saisonspielen aber oft drängen. Einige Male bot der Gegner riesige Räume an, die phasenweise völlig ignoriert wurden. Stattdessen wurde der Ball in die Spitze befördert, wo der Gegner auf ihn wartete.

Extrem trat dieser Effekt beispielsweise nach dem Rückstand gegen Arsenal auf. Die Londoner formierten sich defensiv oft in einer Art 4-3-0-3 (oder 4-5-0-1). Die zentralen Spieler fielen ohne Staffelung nebeneinander eng vor die Abwehrkette, die Stürmer (zumindest van Persie) blieben sehr hoch, ein riesiges Loch im zentralen Mittelfeld war das Resultat.

Wenn man das eigene Angriffsspiel ruhig in diesem Raum gehalten hätte, hätte man entweder von dort ohne Druck die Pässe hinter die Abwehr schlagen können oder man hätte die gegnerischen Mittelfeldspieler gezwungen aus der Sieben-Mann-Mauer herauszurücken. Hintenliegend spielte man stattdessen kopflos in das Gewühl aus Gegenspielern und rannte sich in der extremen Enge etliche Male fest. Eine beispielhafte Szene aus der 66. Minute:

Schmelzer steht mit riesigem Raum in der Zentrale. Anstatt diesen Raum per Querpass zu nutzen, leitet Bender in vertikaler Richtung eine Kurzpasskombination ein. Angesichts der 4-gegen-4-Situation noch keine schlimme Entscheidung.

Die Kombination bleibt hängen, doch Piszczek erobert den Ball zurück. Immernoch hat Schmelzer ewig viel Raum, aber Piszczek schießt stattdessen in den Pulk vor sich.

Der Ball prallt ab und Bender hat die gleiche Situation. Der Strafraum ist zugenagelt, alle erwarten seinen Ball, außerdem hat Schmelzer einen besseren Distanzschuss und eine bessere Position. Spätestens hier muss Bender den Raum nutzen, den er direkt neben sich vorfindet.

Nachdem der Schuss wieder geblockt wurde, verpasst Bender auch die vierte Möglichkeit Schmelzer mitzunehmen. Mittlerweile hat dieser auch nicht mehr so viel Platz, aber Bender muss mit seiner limitierten Schusstechnik diesen schwierigen Volleyschuss nicht versuchen. Er könnt nun auch einen Lupfer hinter die mittlerweile herausgerückte Abwehrlinie ansetzen. Stattdessen verzieht er völlig. Dortmunds ungeduldiges Brechstangen-Spiel lässt Arsenals große Unordnung völlig ungestraft und mündet in einem Abstoß.

Phasen, in denen derartig kopflos agiert wurde, traten zu Saisonbeginn in vielen Spielen auf. Hertha, Mainz, Arsenal, Marseille, Nürnberg, Hannover – es führte stets zu ausgeprägter Großchancen-Armut. Wenn man dann mal durchkam, dann kreierte man meist nur schwierige Abschlussgelegenheiten, da man den Gegner nicht wirklich ausgespielt bekam. Man erzwang “Chancen am Gegner”, die naturgemäß wesentlich weniger erfolgsversprechend sind als freie Abschlüsse. So erklärt sich auch die vermeintlich schwache Chancenverwertung in dieser Saisonphase. Nicht (oder nicht nur) die Abschlüsse hatten Mängel, sondern die Qualität der Chancen litt unter den spielerischen Defiziten.

Dieser Effekt ist übrigens nicht ganz neu. Vergangene Saison trat bei Rückständen bereits einige Male ein ähnlicher auf. Zum Beispiel beim entscheidenden Euro League-Spiel in Sevilla oder in der Rückrunde beim HSV, wo man genau wie gegen Arsenal dann doch noch hinten heraus per Kunstschuss das 1:1 erzielte. In diesen Spielen gab man es auf, die übliche Kontrolle über das Zentrum zu erzeugen und agierte phasenweise ausschließlich über Halbfeldflanken von Sahin oder Schmelzer.

Der Unterschied zur letzten Saison ist der, dass man vergangene Saison bereits im Ansatz zu hektisch war und garnicht mehr wirklich versuchte, sich Räume im Zentrum zu erspielen. Diese Saison erspielte man sich die Räume, aber nutzte sie nicht konsequent. Von daher konnte man hier bereits einen Fortschritt erahnen. Gefährliche Räume herauszuspielen ist zwar nicht gewinnbringend, wenn man sie nicht nutzt, aber es zeigt, dass die Spielanlage stimmt.

Der Dominoeffekt in der Defensive

Das Ausmaß der beschriebenen Fehlern ist, dass sie sich nicht nur auf das Angriffsspiel auswirken, sondern auch die Verteidigungsarbeit stark davon betroffen ist. Insbesondere, wenn sie wie beim BVB extrem auf Gegenpressing ausgelegt ist. Falls man dann den Ball dann nämlich in einem Unterzahlbereich verliert, hat es der Gegner bedeutend leichter, sich aus dem Gegenpressing zu befreien. Kurz gesagt verliert man die Kontrolle.

Das wird dann in dem Moment nochmal richtig schwerwiegend, wenn man trotzdem versucht, den Ball im Gegenpressing zu holen, anstatt sich zurückzuziehen und die bereits verlorene Kontrolle auch verloren zu geben. Durch die Klopp’sche Philosophe ist Dortmund genau dafür sehr anfällig, denn im Normalfall sollen eben alle Spieler sehr aggressiv umschalten und auf Ballrückeroberung pressen. In den Sekundenbruchteilen des Umschaltmomentes kollektiv zu erkennen, dass man dafür keine passende Situation hat, ist sehr schwierig. Herthas 0:1 war ein Paradebeispiel:

Im Zentrum hat da Silva viel Raum, Piszczek entscheidet sich aber für einen Vertikalpass. Interessantes Detail: Kagawa zeigt an, wo Platz für den Ball ist.

Der Ball wird geblockt. Piszczek bekommt einen zweiten Versuch, aber korrigiert seine Einschätzung nicht. Spätestens jetzt hat da Silva aber so viel Raum, dass man diesen kaum noch wegschenken darf.

Der Ball landet in einer 5 gegen 2 Situation für Hertha. Fast automatisch bekommen ihn also die Berliner.

Kagawa und Bender müssen im Gegenpressing zu zweit vier Gegner pressen, was natürlich kaum effektiv funktionieren kann. Um die Situation zu korrigieren rücken Kuba und da Silva weit aus der Tiefe nach.

Kuba kommt einen Schritt zu spät um Kobiashvilli am Pass zu hindern.

Auch da Silva kommt genau einen Schritt zu spät um in den Zweikampf zu finden. Das Dortmunder Gegenpressing wird in der unkomfortablen Situation umspielt, da die Berliner einen Tick zu viel Zeit am Ball haben. Raffael wird im "freigepressten" Raum angespielt und kann attackieren.

Raffael kann nun durch das entblößte Mittelfeld marschieren. Auch Hummels verpasst noch die Gelegenheit, den Konter zu verzögern, auch er stürmt ungeduldig in die Balleroberung. Seine Grätsche schlägt fehl, Raffael kann alleine auf den Torwart zulaufen. Im Nachschuss erzielt er die Führung.

So lassen sich die meisten Situationen, in denen Dortmund Probleme mit Kontern hatte, durch Fehler im Aufbauspiel erklären. So sind die Offensiv- und Defensivstärke stark miteinander verknüpft, was sich auch statistisch zeigt. In den ersten 6 Saisonspielen hatte Dortmund durchschnittlich 16:12 Schüsse pro Spiel, anschließend (wenn man das eigenwillige Unterzahlspiel in Bremen herausnimmt) waren es 21:7. Man hat also genau so viel zugelegt wie die Gegner abgebaut haben.

Die Psychologie

Die Gründe für diesen Effekt dürften vielfältig sein. Zum einen ist das ein normales Phänomen, wenn eine Mannschaft hinten liegt. Die Ruhe geht verloren und man spielt hektisch in die Spitze.

Durch das meist sehr vertikal ausgelegte Spiel des BVB in der vergangenen Saison wurde dies vermutlich verstärkt. Die Spieler sind darauf “programmiert”, den ersten Blick in die Spitze zu lenken. Somit neigt man natürlich eher dazu, seinen Nebenmann mal zu übersehen oder zu ignorieren. Die Balance gerät ins Wanken.

An dieser Stelle offenbarte sich wohl am stärksten das Fehlen von Sahin. Durch die starke Zentrierung des Spiels auf ihn hatten es seine Mitspieler leichter. Die Strukturen im Offensivspiel waren weniger kompliziert und daher leichter umzusetzen, besonders für die Spieler der Viererkette. Im Zweifelsfall wurde der Ball auf Sahin gelegt. Dieser entschied mit seinem strategischen Talent, ob das Spiel beschleunigt oder beruhigt werden musste. Dass die anderen Spieler dies nun stärker selbst übernehmen müssen, brauchte wohl ein wenig Eingewöhnungszeit. Insbesondere in der gegnerischen Hälfte, wo diese Fehleinschätzungen am stärksten auftraten. Im tieferen Aufbauspiel hat man ja mit Hummels einen ähnlichen Fixpunkt, der bleibt dann aber eben normalerweise an der Mittellinie stehen und ist später nicht mehr so leicht anspielbar.

Die erhöhte Erwartungshaltung an das Dortmunder Team tat ihr übriges. Die Mannschaft stand offenbar unter dem Druck, zeigen zu wollen, dass man jeden Gegner dominieren könnte, so wie es gegen Hamburg zum Saisonstart gelang. Dadurch tritt (bzw. trat) dieses Phänomen zusätzlich auch dann auf, wenn es noch Unentschieden stand. Gerade dann kam eben auch der beschriebene Dominoeffekt besonders zum tragen, da der Gegner noch ernsthafte Konterbemühungen unternimmt (anders als bei den angesprochenen Beispielen vergangener Saison oder dem Spiel gegen Arsenal, welches ja letztlich noch glimpflich ausging). Gegen Hertha zum Beispiel lief man dadurch ins Messer. Und gegen Mainz oder Marseille kassierte man dann Tore, weil man schon in riskanten Abwehrsituationen nach vorne dachte.

Interessant war auch zu beobachten, wie die Ungeduld mit der Zeit in Verunsicherung mündete. Nach einiger Zeit kamen die Dortmunder immer wieder in Phasen, wo man am laufenden Band einfachste Pässe nicht spielen wollte. Man konnte Spieler beobachten, die eins, zwei, drei Sekunden mit dem Ball am Fuß quasi tatenlos warteten. Wohl in der Hoffnung noch eine vielversprechende Station in der Spitze zu finden. Dadurch geriet das Kurzpassspiel immer wieder ins Stocken, der Gegner bekam Zeit geschenkt um sich zu formieren. Auf diese Weise kann Ballbesitzspiel keine Lücken reißen.

Es schien als hätte das Team noch nicht das volle Vertrauen in die neue Spielweise. Sobald es nicht zu laufen schien, war man dann gehemmt, diese Spielweise konsequent durchzuziehen. Und jede Strategie leidet natürlich enorm darunter, wenn sie nicht durchgezogen wird – ganz egal, wie gut ausgearbeitet sie ist.

Das Augsburg-Spiel als Wendepunkt

Im Kontext dieses fehlenden Vertrauens ist der 4:0-Heimsieg über den FC Augsburg vielleicht das wichtigste Saisonspiel der Borussia. Mit veränderter Aufstellung (die formschwachen Kagawa und Subotic blieben unerwartet 90 Minuten lang auf der Bank) schien sich das Spiel zuerst wie zu dem Zeitpunkt gewohnt zu entwickeln.

Man machte das Spiel, aber hatte Schwierigkeiten Chancen zu krieren. Nach einem Marseille-Erinnerungskopfball von Hummels hätte man dann beinahe früh den Rückstand kassiert. Augsburg bekam auch einige potentiell gefährliche Kontergelegenheiten, bei denen sie aber zu langsam umschalteten.

Diesmal aber blieb man der eigenen Linie vorerst treu und hatte endlich mal das Glück, in einer Strafraumsituation von einem gegnerischen Fehler zu profitieren. Nach 30 Minuten markierte Lewandowski die Führung. Kurz vor der Halbzeit konnte der Pole eine Standardsituation verwerten und man konnte mit einem sicheren Polster in die zweiten 45 Minuten starten.

Einen kurzen Rückschlag, als man nach einem Fehler im Aufbau einen Elfmeter verursachte, konnte Weidenfeller zum Glück dann noch korrigieren. Dadurch war der Weg geebnet für die vielleicht wichtigste Spielphase der Saison.

Um die 60. Minute herum ließen die Borussen den Ball fast völlig drucklos zirkulieren. Man stellte den Vorwärtsgang extrem zurück, da Augsburg weiterhin passiv stand. Mit zwei Toren Führung im Rücken ließ man sich nicht dazu verleiten, in den massiven Abwehrblock zu spielen, sondern man ließ den Gegner einfach bloß laufen. Augsburg wurde dadurch komplett aus dem Spiel genommen. Zwischen der 57. und 67. Minute spielten die Gäste nur 6 erfolgreiche Pässe (Dortmund 65). Dannach waren die Gäste moralisch tot.

Spannend war, was nun im Stadion passierte. Das Dortmunder Publikum, extrem schnellen, ereignissreichen Fußball gewöhnt, war mit dem scheinbar ziellosen Spiel ihrer Mannschaft unzufrieden. Plötzlich wurde das eigene, völlig dominante Team im eigenen Stadion ausgepfiffen! Was erstmal befremdlich wirkt, zeigte sich als perfektes Timing. Von den Fans angeheizt, zogen die Dortmunder plötzlich das Tempo an, aus dem Nichts brachte Hummels einen Ball in die Spitze und sofort brannte der Augsburger Strafraum lichterloh.

Nun hatten die Borussen ihren Rythmus gefunden. Mit hervorragend balancierter Mischung aus Vertikalspiel und Ballzirkulation wurden die Augsburger nun zerlegt. Ein Doppelschlag in der 75. und 78. Minute brachte das souveräne 4:0, was auch noch hätte höher werden können.

Seit diesem Spiel scheint Dortmunds Ungeduld verflogen. Die bittere Niederlage in Piräus hatte andere Gründe. Gegen die extrem passiven Kölner zeigte man aber eine perfekt balancierte Vorstellung, ließ 85 Minuten lang keinen Torschuss zu. Gegen die im 5-4-1 sehr klug mauernden Dresdner hatte man eine sehr schwierige Anfangsphase, aber wurde nicht hektisch. Man tastete sich langsam in das ungewohnte Defensivsystem herein und wurde im Laufe des Spiels immer effizienter und dominanter. Auch gegen Wolfsburg strahlte man eine enorme Ruhe und Konzentriertheit aus, kombinierte nach einer hektischen Anfangsphase den Führungstreffer mit enormer Präzision heraus.

Die Champions League-Spiele

Das schwache Abschneiden in der Champions League steht wie angedeutet teilweise auf einem anderen Blatt. Ich möchte aber erstmal den drei üblichen Erklärungsversuchen ein bisschen widersprechen. Da wären zum einen die ziemlich floskelartigen Ansätze, dass Dortmund zu unerfahren, “zu grün für Europa” ist, und, dass “Champions League eben nicht das gleiche wie Bundesliga ist”. Außerdem wurden Stimmen laut, dass Klopp seine Truppe zu wenig auf Europa eingestellt hätte, zu offensiv hätte spielen lassen.

Erstens will ich sagen, dass die Champions Leage selbstverständlich das gleiche ist wie die Bundesliga. Die Bälle sind auch da rund, die Tore sind auch da eckig und die Gegner sind da auch da Menschen. Man spielt den gleichen Sport. Da liegt kein Zauber drauf, der plötzlich alles verändert. Anstatt zu mystifizieren sollte man sich also doch lieber mal genau anschauen, wodurch etwaige Unterschiede hervorgerufen werden.

Dementsprechend finde ich auch die Ansätze der fehlenden taktischen Anpassung und der fehlenden Erfahrung viel zu kurz getreten. Beides funktioniert in der Bundesliga, weshalb sollte es in der Champions League nicht?

Tatsächlich widerlegt das Arsenal-Spiel beide Vorwürfe. Dies war nämlich das erste Spiel, in der Klopp auf eine rein defensive Doppelsechs setzte. Man passte sich also taktisch an – allerdings dem sehr spielstarken Gegner, nicht dem Wettbewerb. Diese Anpassung funktionierte dann auch und man hätte früh durch tolle Konter führen können. Dass die Chancen ausgelassen wurden lag an mangelnder Abschlussstärke – die hatten auch schon erfahrene Spieler. Den fatalen Rückstand verursachte dann sogar der einzig CL-erfahrene Mann in der Dortmunder Elf. Kehl spielte einen üblen Fehlpass im Spielaufbau (kurz vorher übrigens schon einen), man lag zurück und nun wütete das beschriebene Geduldsproblem.

Marseille war natürlich ein außergewöhnliches Spiel, insbesondere wegen der verrückten Chancenverwertung. Da kommt man nicht drum herum zu sagen, dass man wohl kaum unglücklicher 0:3 verlieren kann. Aber sicher war man auch hier nicht zu offensiv. Im Gegenteil – wieder spielte die defensive Doppelsechs Kehl-Bender. Gegen den unerwartet passiven Gegner hätte man hier vermutlich besser etwas mutiger aufgestellt. Durch den unglücklichen Spielverlauf trat das Problem der Ungeduld hier wohl am stärksten auf.

Die Niederlage in Piräus lässt sich meines Erachtens vorallem durch die Niederlage in Marseille erklären. Nach dieser wurde die Champions League-Tauglichkeit der Borussia stark in Frage gestellt. Zudem traf man nun auf den vermeintlich schwächsten Gruppengegner. Sicher wollte das Team mit aller Macht das Gegenteil beweisen. Mit dem Augsburg-Spiel im Rücken zeigte man dann tatsächlich eine spielerisch gute erste Halbzeit, erzielte ja auch einen stark herausgespielten Treffer. Wenn Kagawa an diesem Tag nicht die Talsohle seines Formtiefs erwischt hätte, hätte man aus den zahlreichen “Gegenkonter”-Situationen aus eroberten zweiten Bällen, wohl noch eins, zwei mehr Treffer herausspielen können.

Stattdessen trat ein Problem auf, was unter Klopps Führung bei Dortmund fast als ausgestorben galt: Man unterschätzte den Gegner und kassierte Tore wegen reiner Unkonzentriertheit, Tore aus dem offenen Spielaufbau. Der zweite Rückstand war dann moralisch extrem schädlich. Fortan versuchte man die Kontrolle über das Spiel zurückzuerlangen,  was gegen einen extrem stark verteidigenden Gegner (klar besser als Marseille und Arsenal) nicht gelang.

So erklärt sich auch Klopps Systemänderung im Rückspiel. Taktisch machte die Umstellung eigentlich wenig Sinn und man spielte auch nicht besonders stark. Der Zweck war ein rein psychologischer: Durch die Umstellung auf ein ungewöhnlich passives Defensivsystem, setzte man ein Zeichen an die Mannschaft. “Der Gegner ist stark, volle Konzentration auf die Defensive und irgendwie gewinnen!” Die Übermotivation des Hinspiels sollte verhindert werden.

Fazit

Das Problem des BVB war nie ein grundlegendes, spielerisch-taktisches. Die Dortmunder Mannschaft brauchte schlicht eine Weile um sich an die Gegebenheiten des weiterentwickelten Systems zu gewöhnen und um volles Vertrauen in die neue Spielweise zu gewinnen. Die Probleme zu Saisonbeginn zeigen also, von welcher Wichtigkeit es für eine Mannschaft ist, dass der psychologische Zustand des Kaders und die taktische Ausrichtung Hand in Hand geben.

Die jüngeren Ergebnisse zeigen aber auch, wie richtig es war, dass das Dortmunder Trainerteam das Meisterschaftssystem weiterentwickelte. Hätte man krampfhaft versucht, die alte Spielweise (mit verändertem Personal) zu konservieren, hätte man vielleicht einen etwas weniger holprigen Start hingelegt, aber langfristig wäre viel Potential auf der Strecke geblieben

In dem Kontext ist meines Erachtens auch die Forderung nach erfahreneren Spielern einzuordnen. Vielleicht wäre das Problem der Ungeduld nicht so stark aufgetreten, wenn der Kader mit Spielern besetzt wäre, die bereits etwas mehr Ruhe und Souveränität aufgebaut haben. Aber die Jugend des BVB-Kaders macht die Geschwindigkeit der Weiterentwicklung erst möglich. Langfristig lohnt sich das Vertrauen in die jungen Talente, insbesondere angesichts der finanziellen Möglichkeiten von Dortmund und der starken Entwicklungsfähigkeiten des Trainerteams.

Vielleicht hätte man sich mit erfahreneren Spielern auch vorletzte Saison schon für die Champions League qualifiziert oder wäre letzte Saison in der Euro League weitergekommen. Aber hätte man so einen Entwicklungssprung hinlegen können, dass man wie aus dem nichts die Meisterschaft geholt hätte? Wohl kaum.

Letztenendes darf man die vermeintliche Krise der Dortmunder zu Saisonbeginn als Beispiel für temporäre Schwierigkeiten einer Mannschaft nehmen, die man nicht mit strukturellen Problemen verwechseln sollte, wie man sie zum Beispiel beim HSV beobachten konnte.

Wie nachhaltig sich diese Probleme auswirken werden, wird sich wohl auch maßgeblich in den nächsten Tagen entschieden, wo es für die Dortmunder gegen Bayern, Arsenal und Schalke geht. Zum heutigen Bundesliga-Topspiel gibt’s übrigens auch nach langem mal wieder eine 44²-Videoanalyse. Auf ein tolles Spiel, Prost.

5 Comments - Leave a comment
  1. jm sagt:

    für mich die beste analyse die ich je gelesen habe! finde die bilder (gegen hertha & arsenal) sehr stark. (selbst gemacht?)
    wo warst du eigentlich die ganze zeit :D hoffe die videoanalyse kommt schneller als ich es erwarte :D

    • 44² sagt:

      “(selbst gemacht?)” Also hab weder die Kamera gehalten, noch die Spieler gemalt. ^^ Screenshots und Markierungen sind selbst gemacht, ja.

      Danke für’s Lob, freut mich. Videoanalyse kommt zu 95% im Laufe des Tages! ;) Hat unerwartet lange gedauert, ne ordentliche Aufnahme zu finden.

  2. majo sagt:

    hey 44-2,
    klasse analyse! und zwar von vorn bis hinten. damit lässt du allerdings auch die ganze heisse luft aus den gängigen dummschwätzereien, die in der fussball-berichterstattung gang und gäbe sind.
    vielen dank hierfür und weiter so!
    majo

  3. JM sagt:

    Kann es sein dass Klopp von diesem geplanten “Ballbesitzspiel” etwas abgerückt ist und auf den Ballbesitz verzichtet siehe letzen Spiele vs. BMG, Schalke, München, Arsenal, Piräus?

    • 44² sagt:

      Naja, eher nicht. Klopp will sicherlich schnell und vertikal attackieren, wenn es möglich ist, sprich, wenn der Gegner es zulässt. Das hat sich nie geändert. Das Spiel ist vorallem zu Saisonbeginn deshalb Ballbesitz-intensiver geworden, weil die Gegner extrem wenig Risiko gegangen sind. Wenn ein Gegner nicht aufrückt, kann man ihn auch nicht auskontern. München und Arsenal rücken aber sehr weit auf (spielen ja anders als Gegner wie Mainz oder Hertha ganz klar auf Sieg) und entsprechend kann man dann auch selbst vertikaler spielen. Im Hinspiel gegen Arsenal zB lief die Anfangsphase ja genau so ab wie im Rückspiel. Dass das später dann zunehmend Ballbesitz-orientiert wurde, lag einfach daran, dass sich Arsenal im Hinspiel weit zurückgezogen hat, was sie im Rückspiel nicht mehr derartig praktiziert haben.

      Piräus war, wie beschrieben, ein Sonderfall. Aber gegen Schalke und Gladbach war es offensiv das gewohnte Spiel. Auch da sah es nur deshalb etwas konter-intensiver aus, weil beide Teams offensiv doch ziemlich gestreckt gespielt haben und Konterräume offen ließen und man trotzdem (vorallem gegen Schalke) sehr viele Bälle im Mittelfeld gewann, wodurch man dann eben eine gute Kontersituation hat.

      Ich bin im allgemeinen der Meinung, dass die Entscheidung zwischen Ballbesitz- und Konterspiel fast immer eine Entscheidung der verteidigenden Mannschaft ist. Auf Konter zu verzichten, obwohl der Gegner Konterräume anbietet ist Quatsch. Zu kontern, obwohl der Gegner alle Spieler hinter dem Ball hat, geht nicht. Wenn man daher auf Ballbesitzspiel aus ist, muss man erst mal so gut kontern können, dass man den Gegner zu entsprechend tiefem, passiven Spiel zwingt. Der Konter steht daher immer vor dem Ballbesitz, was Mannschaftsentwicklung angeht. Meines Erachtens.

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