Nach der Betrachtung von Dortmunds spielerischen Zielen nun zu den Defiziten, die dafür sorgen, dass der Erfolg bisher geringer ausfällt als allgemein erwartet. Zuerst widme ich mich den oft angesprochenen Themen der Chancenverwertung und Nuri Sahin.
Chancenverwertung
Zur Einordnung der Problematiken muss man zweifelsohne die Auswertung der herausgespielten Chancen betrachten. Außer gegen die starken Leverkusener verzeichnete man in allen Spielen eine klare Überzahl in den Torschüssen und so dominieren die Mängel in der Treffsicherheit die Berichterstattung über Dortmunds mäßige Ergebnisse.
Sicherlich kann man wohl behaupten, dass der BVB deutlich besser dastünde, wenn die eigene Chancenverwertung stets der gegnerischen ebenbürtig gewesen wäre. Beide Champions League-Spiele hätte man dann wohl gewonnen, ebenso die Spiele gegen Hoffenheim und Hannover. Auch gegen Hertha hätte man Punkte geholt. Alles würde vermutlich vom fortwährenden Dortmunder Siegeszug schreiben.
Das ist aber eine beschönigende Betrachtungsweise, die etwas wesentliches außer Acht lässt. Die Chancenverwertung jeder Mannschaft schwankt von Spiel zu Spiel. Das ist ein unvermeidbares statistisches Phänomen, da eben jeder Spieler nur eine bestimmte Treffsicherheit (oder Treffunsicherheit), weit entfernt von 0 und 100%, hat. Lass den sichersten Torschützen der Welt 100 Mal aus der gleichen Position schießen, er wird nicht 100 Mal treffen – ganz ohne, dass das tiefergehende psychologische Gründe hätte.
Somit ist es völlig klar, dass man in vielen Spielen zumindest knapp unterlegen in der Chancenverwertung ist. Das Ziel einer Spitzenmannschaft muss es daher sein, die eigene Chancenüberlegenheit so hoch wie möglich zu halten, sodass man auch die Spiele gewinnt, in denen man “Scheiße am Fuß” hat. Letzte Saison gewann Dortmund viele solcher Spiele (auf Schalke, zu Hause gegen St. Pauli oder Köln), obwohl die Fehlschussquoten noch bedeutend schlimmer aussahen.
So muss man bei nüchterner Betrachtung festhalten, dass Dortmund zwar meist mehr Chancen hatte, aber öfters eben nicht viel mehr. Oder besser gesagt, nicht viel mehr hochwertige Chancen. Oft ließ man sich zu vielen Verlegenheitsschüssen zwingen. Ungefährliche Kopfbälle, schlechte Winkel, Bedrängung, Distanzschüsse. Das lässt die “gefühlte” Chancenverwertung noch schlechter wirken als sie es eigentlich ist. Das Spiel gegen Berlin ist das beste Beispiel.
Tatsächliche Großchancen waren meist an einer Hand abzuzählen. Gegen alle Gegner gab es Phasen, in denen solche nicht mal in der Luft lagen und man den Gegner trotz Ballbesitz nur spärlich in ernsthafte Schwierigkeiten brachte. Deshalb ist eine Problemanalyse über die Chancenverwertung heraus absolut berechtigt, beziehungsweise notwendig. Gleichzeitig darf man aber sagen, dass die Dortmunder eher Pech hatten und normalerweise wohl besser dastünden.
Wie sehr fehlt Sahin?
Wie schon dargelegt halte ich nicht so arg viel von der Frage. Erstmal ist es wirklich alles andere als überraschend, dass man keinen richtigen personellen Ersatz für ihn gefundenhat, angesichts der Tatsache, dass man das beim BVB erklärtermaßen nie versucht hat. Es wäre auch töricht gewesen, denn woher hätte man einen adäquaten Ersatz herbekommen sollen? Es gibt vielleicht fünf Spieler auf der Welt, die Sahins Rolle so stark umsetzen könnten. Nicht umsonst war es Real Madrid, die Sahin abwarben.
Wie erläutert wurde das Spiel umstrukturiert und der vermeintliche Ersatzmann Gündogan hat eine ganz andere Rolle als Sahin. Plastisch sieht man die Unterschiede zum Beispiel an Gündogans Passwerten gegen Augsburg. Auf 33 erfolgreiche Pässe kam nur ein einziger Fehlpass. 97% Passgenauigkeit ist ein unglaublicher Wert für einen zentralen Offensivspieler, den Sahin nie annähernd erreichte (rangierte manchmal sogar um die 70%). Allerdings spielte Gündogan dabei nur ganze zwei Pässe ins letzte Spielfelddrittel, viele Pässe waren sehr kurz oder nach hinten. Es ist also keineswegs so, als würde er dabei scheitern, Sahins vertikales Passspiel zu übernehmen, sondern es ist offensichtlich so, dass er nicht in dieser Weise spielen soll. Er verknüpft zwischen den anderen Offensivspielern und hilft mit seiner sehr hohen Ballsicherheit dabei, den Ball aus engen Situationen zu befreien. Das 2:0 gegen Hamburg ist wohl ein Paradebeispiel dafür, wie Gündogan im Offensivspiel wirken soll.
Den Vorteil dieser Umstrukturierung erkennt man gut, wenn man saisonübergreifend die Spiele gegen 4-3-3 bzw. 4-1-4-1-Formationen miteinander vergleicht. Wo man vorige Saison gegen Hoffenheim oder in Freiburg noch arge Probleme hatte, dort dominiert man heute gegen Hamburg und Augsburg (oder der Anfangsphase gegen Nürnberg) ziemlich problemlos. Eine Doppelacht nahm Sahin seinen Raum und dem Dortmunder Spiel damit den Fluss. Diese starke Wirkung jener Maßnahme wurde durch die Systemveränderung völlig neutralisiert. Durch die höhere Fluidität der Sechser und Offensivspieler schafft man es im neuen System viel besser, den unterbesetzten gegnerischen Sechserraum zu nutzen.
Dennoch ist es nicht von der Hand zu weisen, dass Sahin natürlich Qualitäten einbrachte, die dem BVB nun abgehen. Die weiten Spielverlagerungen und gefährlichen Vertikalpässe kann auch Hummels nicht derartig präzise und gefährlich umsetzen. Möglicherweise könnte das Konterspiel Dortmunds darunter leiden, das war aber bisher gegen die stets tiefspielenden Gegner wenig auf der Probe, von daher ist das Spekulation. Aber man kann wohl davon ausgehen.
Durch das Fehlen einer Hauptschaltzentrale ist zudem die ganze Mannschaft stärker in der Entscheidungsfindung gefordert. Anstatt das Spieltempo und die Angriffsräume von einem Kopf vorgeben zu lassen, müssen diese Fragen noch kollektiver gelöst werden. Das ist meines Erachtens das zentrale Thema der momentanen Dortmunder Situation und muss kein Nachteil sein. Später mehr.
Besonders gegen tiefstehende 4-4-1-1-Formationen muss sich Dortmund noch finden. Gegen Teams, die so agierten, war man in der Meistersaison besonders stark, wie hier erklärt. Gegen Hertha, die das genau so spielten, machte man daher einen Schritt zurück und orientierte sich stärker am “alten” System, wo dann aber tatsächlich ein Passgeber der Marke Sahin fehlte. Deshalb wurde da Silva in diesem Spiel auch zur Halbzeit für Gündogan eingewechselt, denn der ist ein viel ähnlicherer Spielertyp wie Sahin. (Er spielte das aber irgendwie merkwürdig flügellastig, wodurch das Spiel durch ihn in diesem Fall trotzdem nicht wirklich besser wurde.)
So gesehen ist Sahins Abgang zumindest in solchen Spielen noch ein Kernproblem. Andererseits sind die Rezepte um Sahins Stärken anderweitig zu kompensieren vorhanden. Man wird diese Ideen noch stärker auf Gegner mit Doppelsechs übertragen müssen. Denkbar wären dafür auch ein Ausweichsystem (4-1-4-1?), denn das Problem ist wohl das Gegenpressing. Im neuen System läuft Dortmund Gefahr, dass Gündogan nach Ballverlusten von der gegnerischen Doppelsechs überspielt wird.
Alte Leiden
Hinzu kommt auch, dass Dortmund die Defizite der vergangenen Saison bisher nicht abbauen konnte. Gegen tiefstehende Gegner hatte man auch da schon große Probleme, weil man recht wenig Gefahr durch Flanken und Distanzschüsse erzeugte. In der Rückrunde wurde das noch verstärkt, weil Kagawas gute Weitschussfähigkeiten wegfielen. Bisher hat sich dieses Problem eher noch verschlimmert.
Man hat aber an dieser Schraube gedreht. Perisic ist wahnsinnig kopfballstark, schlägt auch selbst sehr gute Flanken und scheint ebenfalls einen kraftvollen Schuss zu besitzen. Es ist nur natürlich, dass er als Transfer aus der belgischen Liga etwas Zeit braucht, aber sobald er sich eingefunden hat könnte er einen großen Fortschritt zur vergangenen Saison darstellen, wenn man tiefstehende Defensivreihen knacken muss.
Kagawa ist auch noch nicht in Topform, ebenso Schmelzer, der die Vorbereitung verpasste. Zweiterer hat momentan große Probleme, die Bälle gefährlich in den Strafraum zu bringen, was sich zum Beispiel gegen Arsenal extrem negativ auswirkte, weil er dort sehr oft Raum dafür bekam. Kagawa dürfte im neuen System noch viel Luft nach oben haben. Das ständige Freilaufen und sehr Kurzpass-intensive Spiel kommt ihm theoretisch sehr entgegen, aber zuletzt spielte er manchmal schematisch zu hoch und kam deshalb wenig ins Spiel. Sobald er seine Rolle besser gefunden hat, könnte auch das ein großes Plus für das Dortmunder Spiel sein.
In der Summe schätze ich die Dortmunder Mannschaft dennoch momentan nicht schwächer ein als letzte Rückrunde, vielleicht sogar besser als in der Hinrunde. Die Fortschritte im offensiven Bewegungsspiel sind groß und vorallem Hummels, Bender und Götze können ihre Qualitäten stärker einbringen, was die Defizite im Vergleich recht gut kompensiert. Weshalb das in den Ergebnissen noch nicht so recht erkennbar ist, liegt meines Erachtens daran, dass das neue System nicht konsequent genug durchgezogen wird. Genaueres im finalen dritten Teil.









Deine Ausführung zur Chancenverwertung find ich ungenügend, fast Null Inhalt da. =P
Hier mal paar Zahle von wahretabelle.de (hoffentlich taugt hier der code-Tag):
Schüsse Torsch. Tore
Saison 2010/2011
BVB 593 2.14 277 67 4.13
Gegner 311 2.64 118 22 5.36
Saison 2011/2012 bis inkl. 8. ST
BVB 139 2.67 52 13 4.00
Gegner 90 2.65 34 7 4.85
Es werden also mehr Schüsse für Torschüsse benötigt, hat dann aber eine geringfügig bessere Verwertung. Der Gegner hat dagegen eine viel Bessere Verwertung. (Die Unterschiede zwischen den Saisons sind nach dem hohen Sieg am 8. ST kleiner geworden. Nach der Hinrunde wird man das besser vergleichen können.)
Hm, grad hat Perisic ein Tor geschossen. Er wird die Statistik sicher noch weiter aufpäppeln. =P
Mh, ja, der Abschnitt zur Chancenverwertung war eher Meinung als Analyse um das Ausmaß des Problems einzuordnen. Hab bewusst keine Schussstatistiken gebracht, weil ich das Hauptproblem eben darin sehe, dass es zu wenig hochwertige Chancen gibt und man phasenweise keine Gefahr ausstrahlt. Das ist statistisch nicht so leicht zu belegen, es gibt ja leider keine Zahlen zur Qualität der Chancen.
Dass mehr Schüsse für Torschüsse benötigt werden belegt das ein bisschen, Danke.
Code-Tag funktioniert nicht, Schiedrichter auch nicht. =/
Du hast in einem Post geschrieben, dass Gegenpressing sich nur lohnt, wenn man den Ball kontrolliert verliert. Kann mir darunter nichts vorstellen wäre nett wenn du mir das erklärst.
Wann kommen eigentlich wieder die Videoanalysen?
Kommt im dritten Teil anhand eines Beispiels. Videoanalysen gibts auch bald wieder.
Generell halte ich Gündogan für sehr talentiert und sehe in ihm wirklich großes Potenzial. Allerdings sagt mir seine Spielweise im Moment einfach nicht zu. Du hast es im Artikel erwähnt, viel Kurz- und Querpassspiel. Das ist prinzipiell ja erstmal nichts Schlechtes, aber in seinem Fall einfach viel zu ineffektiv, es wirkt bisweilen sogar Alibi-mäßig.
Ich finde, diese Zahlen verdeutlichen das ganz gut:
- Ihm gelang bisher 1 Assist.
- Er hat bisher lediglich 11 Torschussvorlagen zu verbuchen, bemerkenswert: In den letzten drei Spielen keine einzige.
Und das kann für einen 8er in unserem System einfach nicht sein. Dadurch, dass Hummels sehr stark in die Spieleröffnung eingebunden wird und die nächste Station für das Kreative Götze ist, entsteht im Mittelfeldzentrum eine Art Vakuum. Ich vermisse hier einfach die Impulse von Gündogan – da kommt zu wenig, das bloße Agieren als weitere Anspielmöglichkeit genügt nicht.
Mir ist bewusst, dass man ihm noch Zeit geben muss, um in die Rolle reinzuwachsen und eine Interpretation der 8 zu entwickeln, die seine Fähigkeiten ideal mit unserer Spielidee vereint. Bei Sahin hat das ja auch nicht von heute auf morgen geklappt, sondern Jahre in Anspruch genommen. Allerdings schleichen sich bei mir Zweifel ein, ob er wirklich die richtigen Anlagen für diese Position mit sich bringt. Deutlich geworden ist mit das letzte Woche beim Spiel der U21 gegen Bosnien-Herzegowina: Auf der 10 scheint er – momentan (noch) – besser aufgehoben zu sein.
Hmm ja, da geb ich dir teilweise auf jeden Fall Recht. Ich glaube aber, dass er nicht mehr viel Zeit braucht. Seine mangelnde Effektivität ist glaube ich auch ein wenig Dominoeffekt des ungeduldigen Spiels (auch hier nochmal im Vorraus: siehe Teil 3 dann), weil er beim Nachrücken kaum Bälle in den Rückraum bekommt und auch wenig Bälle im Gegenpressing holen kann. Mit den Bällen, konnte er zwar zuletzt oft nicht viel anfangen, aber intuitiv würd ich sagen, dass ihm da ein großer Sprung bevorsteht. Seine Anlagen halt ich für perfekt für die Rolle, die er spielt. Insbesondere seine Ballmitnahme von schwierigen, versprungenen Bällen ist grandios. Das wird ihm noch viel helfen um zweite Bälle in die Spitze weiterzuleiten.
Allgemein sind Torschussvorlagen und Assists aber kein guter Wert um seine Rolle zu beschreiben. Sahin hatte letzte Saison auch nur 8 Vorlagen, von denen eine ganze Reihe aus Standards resultierten. Von der Sechs/Acht aus ist man eben meistens für den zweit- oder drittletzten Pass zuständig (wie bei seiner Einleitung von Götzes 2:0 gegen Hamburg).
Das alibimäßige in seinem Spiel ist zudem angeordnet, denke ich. Vermutlich will Klopp ihm erstmal Sicherheit verschaffen, bevor er größere Verantwortlichkeiten eingeräumt bekommt. Ähnlich wie bei Löwe, der offensiv viel weniger Risiko geht als Schmelzer. Je öfter er solche sicheren Spiele wie gegen Augsburg hat, umso mehr wird er wohl auch Verantwortlichkeiten für die effektiven Dinge übernehmen (sollen).
Ich bin immernoch sehr überzeugt von ihm. Sahin war mit 20 auch grade mal dabei, Tinga zu überholen. Gündogan wird sich vermutlich und hoffentlich ähnlich steil entwickeln. Man sollte da als Fan Geduld haben. Es kann nicht jeder blutjunge Neuzugang einschlagen wie Kagawa. Langfristig wird sich das Vertrauen aber auszahlen.
Dann bin ich mal gespannt auf Teil 3.
Hatte es bei meinem letzten Beitrag noch vergessen: Großes Lob an Deine Arbeit! Bin über spielverlagerung.de auf Deinen Blog gestoßen und er schmückt mittlerweile auch schon meinen RSS-Reader
“Genaueres im finalen dritten Teil. Der kommt diesmal auch wesentlich schneller hinterher.”
nichts versprechen, was man nicht halten kann ^^
Schande über mein Haupt.
Ein kaputtes Netbook kann sehr produktivitätsschädlich sein. Der Artikel ist aber wenigstens schon halb fertig.