Bayer Leverkusen 0:0 Borussia Dortmund – Das Zwillingsparadoxon

Das Zwillingsparadoxon (oder Uhrenparadoxon) ist ein Gedankenexperiment, das einen scheinbaren Widerspruch in der speziellen Relativitätstheorie beschreibt. Danach fliegt einer von zwei Zwillingen mit nahezu Lichtgeschwindigkeit zu einem fernen Stern und kehrt anschließend mit derselben Geschwindigkeit wieder zurück. Während der Flugphasen altert der jeweils andere Zwilling als Folge der Zeitdilatation langsamer. Nach der Rückkehr auf der Erde stellt sich aber heraus, dass der dort zurückgebliebene Zwilling älter geworden ist als der gereiste.

(Wikipedia)

Wie in Lichtgeschwindigkeit Richtung Meisterschaft und Nationalmannschaft gestartet, kehrte Sven Bender nun zurück zu seinem Zwillingsbruder nach Leverkusen. Sollte er dabei gealtert sein, so hat sich das noch nicht in seinen physischen Möglichkeiten niedergeschlagen. Möglicherweise aber in den spielerischen.

Anstelle einer herkömmlichen Analyse, möchte ich die andernorts veröffentlichten Betrachtungen (auf Deutsch, Norddeutsch, Englisch oder Österreichisch ;) ) durch ein wenig statistisches Material ergänzen. Zahlen zum Spiel.

Die Benders auf’m Tandem

Die Laufwerte der Zwillinge ähneln sich auf beinahe lächerliche Weise. Lars hat etwa 40 Meter mehr zurückgelegt, was bei über 12 gelaufenen Kilometern nicht einmal einem halben Prozent Unterschied entspricht.

Sven hat dabei ganze 2 Sprints mehr angesetzt (14 gegenüber 12) und erreichte eine um 0,1 km/h höhere Spitzengeschwindigkeit. An schnellen Läufen haben die beiden sogar das Kunststück fertig gebracht, exakt gleich viele zu starten (jeweils 54).

Kein weiterer Spieler hat dabei die 12-Kilometer-Marke geknackt. Die Anzahl der schnellen Läufe wurde nur von Shinji Kagawa übertroffen. Allein diese Fakten lassen erahnen, wie die Bender-Zwillinge in ihrem jungen Alter die etatmäßigen Starspieler ihrer Vereine Kehl und Ballack auf die Bank verdrängen konnten.

Die spielbezogenen Werte geben aber Hinweise darauf, weshalb nur einer von beiden sich bereits Nationalspieler nennen darf. Insbesondere die Zweikampfstatistik: Der Dortmunder gewann die meisten Zweikämpfe auf dem Feld. Von 29 Zweikämpfen entschied er 19 für sich. Sein Leverkusener Ebenbild gewann nur 6 Zweikämpfe, wobei er taktisch bedingt auch nur 17 bestritt. Aber eine fast doppelt so hohe Quote ist natürlich schon bemerkenswert, auch wenn bei solchen Daten nicht immer Zweikampf gleich Zweikampf ist.

Dass Sven Bender dazu noch etwa 40% mehr Pässe gespielt hat, liegt wohl eher an taktischen Gründen. Nach Nuri Sahins Abgang hat er Teile von dessen Verantwortlichkeiten im Aufbauspiel übernommen. Allerdings ist auch diese etwas zentralere Rolle auch ein Hinweis auf die spielerische Weiterentwicklung, die er im Laufe der letzten beiden Spielzeiten vollzogen hat. Die unauffälligere Rolle von Lars erinnert eher noch an das, was Sven vergangene Saison spielte. Das muss nicht zwangsweise in seinen Fähigkeiten begründet sein, kann aber.

Dutt isoliert den Spielmacher

Wir haben’s geschafft Mats Hummels – als von uns anerkannten Spielmacher beim Gegner, nicht Innenverteidiger sondern Spielmacher – aus dem Spiel zu nehmen.

(Robin Dutt in der Pressekonferenz nach dem Spiel)

Dieses taktische Merkmal des Spiels lässt sich auch sehr leicht in den Zahlen erkennen. Subotic spielte nämlich fast doppelt so viele Pässe wie sein Nebenmann (68 zu 36), welcher in den ersten beiden Saisonspiel zunehmend zur zentralen Figur in Dortmunds Offensivspiel avancierte.

Leverkusen lenkte vorallem in Person von Kießling den Ball sehr aufmerksam von Hummels weg. Jener Kießling hatte am Ende des Spiels nach Sven Bender auch die meisten Zweikämpfe gewonnen.

Somit stand am Ende Subotic, der vielleicht spielschwächste (oder am wenigsten spielstarke) Feldspieler auf dem Platz, mit den deutlich meisten Ballkontakten und Pässen da. Etwa 25% bzw. 35% höher fällt seine Zahl aus, verglichen mit Nebenmann Piszczek, der in beiden Kategorien als Zweiter folgt.

Dortmunds ungefährlicher linker Flügel

Dabei schaffte es Subotic aber, nicht auch noch die Fehlpassstatistik anzuführen. Dort wurde er knapp von Schmelzer “übertrumpft” (11 Fehlpässe), was auch ein zentrales Defizit aufzeigt.

Wie in verlinkten Artikeln bereits ausgeführt, verschob Leverkusen sehr weit vom Flügel ins Zentrum Richtung Ball. Da Dortmund vorallem über Subotic, also über rechts, aufbaute,  kreierte das viel Raum auf links, den Schmelzer ziemlich alleingelassen hätte nutzen können.

Diese oft riesige Lücke in Bayers Formation vermochte Dortmund aber aus dreierlei Gründen nicht wirklich umzusetzen. In der Anfangsphase wurde der Flügel schlichtweg nicht bedient. Dies war die stärkste Phase von Bayer, denen Dortmunds zentrallastiges Spiel in die Karten spielte und zu Balleroberungen, schnellen Gegenstößen und dann Chancen führte. So spielte Kevin Großkreutz als linker Mittelfeldspieler nur einen einzigen Pass während der ersten halben Stunde.

Bayers Torschüsse oben, Großkreutz’ Pässe unten. Man beachte die Phase vor und nach der 30. Minute. (Großkreutz wurde in der 63. Minute ausgewechselt, daher die Passlosigkeit am Ende.)

Teilweise wird dieses Muster auch mit Großkreutz’ Positionsspiel zusammenhängen, welches mit dafür sorgte, dass Dortmund so zentral spielte. Der zweite Grund.

Heatmap von Großkreutz. Am meisten arbeitete er in einer sehr zentralen Position, nur leicht linksseitig.

Und zum dritten zeigte sich eine schlichtweg eher mäßige Leistung von Schmelzer, der wie gesagt die meisten Fehlpässe spielte (aber, fairerweise gesagt, mit 25% nicht die schlechteste Quote hatte) und dem man im zweiten Saisonspiel generell immernoch etwas anmerkte, große Teile der Vorbereitung verpasst zu haben. Er verarbeitete die Bälle nicht schnell genug und zog kaum mal zur Grundlinie. Wiederum kommt Großkreutz’ Position dazu, der Schmelzer dann als Mitspieler auf dem Flügel fehlte. Insgesamt passte die Abstimmung Dortmunds also nicht ganz und so ähnlich wie man bereits gegen Hoffenheim den rechten Flügel inkonsequent nutzte, passierte es diesmal auf links.

Fazit

Robert Lewandwoski hatte mit 18 Ballkontakten und 5 Pässen die mit Abstand geringste Spielbeteiligung über 90 Minuten. Dortmund brachte zwar 50 Pässe mehr zum Mann (341 zu 291) und hatte ebenso viele Ballkontakte mehr (618 zu 567), aber was die Offensivspieler betrifft lag Leverkusen hier leicht vorn (158 zu 147 Ballkontakte).

53% Ballbesitz für den BVB, aber 15:11 Schüsse für Leverkusen. Neben den roten Karten, ist die Story des Spiels damit recht gut erzählt. Dortmund leicht dominant, Leverkusen leicht effektiver, weil direkter im Spiel.

 

Alle Statistiken und Grafiken von Bundesliga.de.

1 Comment - Leave a comment
  1. Icey sagt:

    Da ist der Statistiker in dir ja eiskalt herausgekommen. ;)
    Ist interessant zu lesen.

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