Deutschland 0:0 Brasilien – Interessante Experimente in Hälfte 1

In Stuttgart traf Löws Elf auf die Selecao, die glaube eigentlich irgendwo ein Sonderzeichen im Namen hat, aber wegen ihres schwachen Auftritts bei der Copa es nicht Wert ist, dass ich das jetzt recherchiere. Ha!

Nee, im Ernst: Es war ein durchaus interessantes Spiel und insbesondere in Einzelaktionen stellenweise sehr attraktiv. Beide Trainer wichen vom üblichen Plan ab, was zu einer merkwürdigen ersten Halbzeit führte. Diese möcht ich etwas genauer untersuchen.

2011 auf brasilianisch

Prägend für das Spiel war vorallem die Spielweise des Rekordweltmeisters. Trainer Menezes stellte nicht das bei der Copa übliche 4-2-3-1 auf, sondern ließ Spielmacher Ganso auf der Bank, während die Flügelspieler Robinho und Neymar in die Mitte gezogen wurde.

Der Plan dahinter war, dass man zu siebt sehr tief den eigenen Strafraum verteidigt, um anschließend schnell auf die drei Dribbler in der Offensive zu spielen, die dann ihre individuelle Klasse ausspielen sollten. Klassisch brasilianische Idee. Sieben Spieler, die das Klavier tragen, drei, die es spielen können. Und ein von Einzelaktionen, von Dribblings geprägtes Angriffsspiel, wie es die brasilianischen Fans gerne sehen.

Dabei spielte Robinho eine etwas tiefere, diszipliniertere Rolle als sein junger Nebenmann Neymar. Zweiterer hatte scheinbar eine komplette Freirolle, konnte machen, worauf auch immer er Lust hatte. Der erfahrenere Robinho ließ sich teilweise etwas fallen um als Verbindungsspieler zu agieren, aber er arbeitete auch punktuell nach hinten mit. Dann ging er auf den linken Flügel und Brasilien bildete eine Art 4-4-1-1. Das wurde aber im Laufe des Spiels immer seltener.

Die zweite Umformung, die Brasilien vornahm, war das Aufrücken von Ramires. Kurioserweise geschah das weniger in der Offensivbewegung, sondern vorallem in der Defensive. Dann rückte Ralf etwas nach links und Fernandinho fiel etwas tiefer in den Raum vor Kroos und Brasilien stand in einer Art 4-2-1-3.

Deutschland endgültig im 4-1-4-1

Nachdem es sich über die letzten Länderspiele abzeichnete, dass die Nebenleute von Schweinsteiger immer offensiver wurden, konnte man das deutsche System gestern nun definitiv als 4-1-4-1 bezeichnen. Götze gab mit Kroos das Zentrum der Offensive, während Schweinsteiger dahinter alleiniger Abräumer und Ballverteiler war.

Wie zu erwarten war, bildeten Götze und Kroos dabei ein großartiges Duo. Zufälliges Wortspiel, aber geplantes Passspiel. Kroos bewegte sich auf relativ klarer Bahn halblinks, agierte als Verteiler, während Götze extrem flexibel agierte. Von der halbrechten Position startend ging er auf die Flügel oder in die Zwischenräume der brasilianischen Siebenerdefensive und füllte das deutsche Spiel mit kreativen Momenten.

Schweinsteiger rückte in der späteren Angriffsphase gelegentlich etwas auf und füllte den Raum, den Götze halbrechts öffnete. Allerdings wirkte das noch nicht ganz durchdacht und abgestimmt. Gleiches trifft auf die restlichen drei Angriffsspieler zu. Gomez fand überhaupt kein Zusammenspiel, sondern agierte eher als Korken in der engen brasilianischen Defensive. (Klose zeigte dann in Hälfte zwei, dass er mit dem Rücken zum Tor viel besser mitspielen kann.)

Müller und Podolski schafften es beide nicht die Linkslastigkeit der Zentrale zu ergänzen. Dadurch, dass Götze viel nach links ging und Lahm als Linksverteidiger auch sehr stark diesen Raum ansteuert, spielte sich die deutsche Offensive vorallem dort ab. Podolski hielt dabei seine Position links außen, ging aber kaum mal steil um Bälle hinter der Abwehrlinie zu empfangen. Stattdessen verstopfte er nur den linken Raum und zeigte bei Gelegenheit seine Defizite im Kombinationsspiel. Müller ging in die Spitze, befand sich dann aber zu weit weg vom Ball und ergänzte eher Gomez beim “herumkorken”. Wirkungsvoller wäre wohl gewesen, Götzes halbrechten Raum zu besetzen und dann bei Gelegenheit steil in die Spitze zu starten. Insgesamt war das Spiel der DFB-Elf dadurch zwar sehr attraktiv, aber wirkte in die Spitze hinein unbalanciert und erzielte kaum Torchancen.

Weil das etwas sehr kritisch klingt möcht ich aber ergänzen, dass das nicht zwangsweise als großer Fehler der Spieler zu werten ist. Es kann teilweise mit unzureichenden Anweisungen des Trainers zu tun haben, aber vorallem wird es sicherlich an der fehlenden Eingespieltheit liegen. Man darf jedenfalls gespannt sein, wie sich dieses System entwickelt. Eine interessante Option könnte zum Beispiel sein, Götze weiterhin nach links ziehen zu lassen und Özil dann vom rechten Flügel einrücken zu lassen um dann mit seinem linken Fuß aus dem halbrechten Raum auf’s Tor spielen zu können.

Keine Defensive im Mittelfeld

Das Spiel sah dann so aus, dass beide Mannschaften intervallartig an der gegnerischen Viererkette hängen blieben. Im Mittelfeld bekamen paradoxerweise beide Teams keinen Zugriff auf den Gegner.

Brasilien gab wie bereits beschrieben die Mittelfeldzentrale auf und bunkerte am eigenen Strafraum. Robinho und Neymar warteten dabei sehr hoch, weshalb sich teilweise ein absurd hoher Abstand mitten in der brasilianischen Formation ergab, in dem die Deutschen problemlos agieren konnten.

Wenn die Gastgeber aber den Ball verloren, konnte Brasilien blitzschnell auf Offensive umschalten, da Robinho und Neymar zu zweit den deutschen Sechserraum besetzten, wo Schweinsteiger dann in Unterzahl war und die Zuspiele daher nicht verhindern konnte. (Das selbe Konzept, allerdings in kompakterer Formation nutzte der BVB letzte Saison gegen Freiburgs 4-1-4-1.) Die angesprochene fehlende Kompensation des von Götze hinterlassenen Bereiches im brasilianischen Sechserraum trug dazu bei. An dieser Stelle konnten die Deutschen kein Gegenpressing ansetzen, weshalb Brasilien dann durch diese Lücke “ausbrechen” konnte.

Es zeigte sich aber, dass die deutsche Viererkette auch auf internationalem Niveau sehr stark besetzt ist. Die brasilianischen Dribbler gewannen überraschend wenige direkte Duelle. Daher kamen sie dennoch kaum zu Chancen.

Deutschland konnte aber wie gesagt auch kaum Gelegenheiten herausspielen in den ersten 45 Minuten. Neben den erwähnten Balanceproblemen war man teilweise auch zu zögerlich darin, riskante Kombinationen aufzuziehen und spielte von daher nicht schnell genug um Brasiliens 4-3 zu durchbrechen. Den Bayern-Spielern scheint dabei van Gaals Philosophie noch in den Knochen zu stecken.

Fraglich ist zudem, weshalb man nicht konsequenter zur Grundlinie ging. Das Problem einer 4-3-Defensivanordnung ist die mangelnde Besetzung des Flügels, weshalb es äußerst sinnvoll ist dort hinunterzuspielen, anstatt sich durch die vollgepackte Zentrale zu kombinieren. Ich vermute, dass Löw das früh angeordnet hätte, wenn es kein Test gewesen wär.

The Brain mit dem 2:0

Die zweite Hälfte möchte ich nicht exerzieren, aber auf Deutschlands äußerst sehenswerten zweiten Treffer will ich nochmal hinweisen. Dabei meine ich mit obigem Spitznamen nicht den Torschützen, sondern den Vorlagengeber.

Ich bin schon seit langer Zeit der Meinung, dass Toni Kroos noch vor seinen technischen Fähigkeiten ein herausragendes Talent hat: Seine Weitsicht und Antizipation von Offensivbewegungen, wenn er das Feld vor sich hat. Diese verbindet er mit perfektem Timing und Bewegungsspiel, wenn man ihn lässt. Das 2:0 war ein Paradebeispiel.

Kroos nimmt den Ball direkt Richtung Mitte an, legt ihn sich ein Mal kurz vor. Blick dabei nach vorn. Ich behaupte, dass er bereits in diesem Moment erkennt, wie er Götze den Ball zuspielen wird.

Im Moment, wo Klose wie erwartet entgegenkommt, legt er den Ball in den Raum und startet sofort selbst.

Klose legt ab. Durch die Antizipation der Szene hat Kroos den Vorsprung vor seinem Gegenspieler...

...und kann ruhig den Pass in die Spitze spielen.

Der Rest ist Götze.

Selbstverständlich ist es auch wichtig, wie Klose und Götze mitspielen und mitdenken. Götzes Technik und Geschwindigkeit sowieso. Jedoch gehen die beiden “einfach nur” in Räume, die sich vor ihrer Nase auftun. Kroos verbindet diese Räume und kreiert dadurch diesen perfekten Spielzug.

Man schaue sich die Szene im Detail an. Wie ruhig er das durchspielt, wie er sich den ersten Ball vorlegt um auf Klose zu warten, wie er ohne den Hauch eines Zögerns den zweiten Raum anläuft und wie locker und rund seine Bewegungen beim letzten Pass sind. Nichts was passiert überrascht ihn, er weiß exakt wie diese Kombination ablaufen muss und wird.

Deshalb setzt der Bundestrainer ihn wahrscheinlich lieber in tieferer Position ein, deshalb glänzt er kaum, wenn er als Zehner spielt. Denn als Zehner hat er im modernen 4-2-3-1 nur einen Spieler vor sich. Da geht es mehr darum, ohne Ball Räume zu erzeugen, mit einzelnen Pässen für Gefahr zu sorgen, man spielt oft mit Rücken zum Tor. Das sind Disziplinen, in denen Özil, Müller und vielleicht auch Götze bereits überlegen sind.

Kroos’ überragende Qualität zeigt er, wenn er Mitspieler vor sich und Freiheiten am Ball hat. Somit konnte er auch im Schablonenspiel von van Gaal nicht wirklich überzeugen, denn da nützte ihm diese Art der Kreativität kaum etwas. Das heutige Spiel und insbesondere dieses Tor war ein Fingerzeig darauf, welches Potential er besitzt, wenn man das Spiel um ihn herum aufbaut.

Fazit

Deutschlands Spiel war vielversprechend. Nicht nur weil mit Götze ein weiterer Youngster auftrumpfen konnte und auch Schürrle zeigte, dass er eine ganz wertvolle Option für die Mannschaft ist. Auch weil Löw demonstrierte, dass er an der Weiterentwicklung seines Fußballs arbeitet. Man darf sich als Fan der DFB-Elf also weiter ungebremst auf die kommenden Aufgaben freuen.

Brasilien agierte weitestgehend nicht als Einheit, sondern teilweise brutal zweigeteilt. Die Suche nach einem geeigneten System geht für Menezes weiter. Ein 4-3-2-1 ist zwar sehr interessant, aber die Umformungsbewegungen wirkten irgendwie willkürlich und wirkungslos und wenn man so die Flügel offen lässt, dann muss man das Zentrum eigentlich komplett dominieren. Ich behaupte ja, dass die Brasilianer mit Dunga jetzt Amerikameister wären. Aber das Volk ist wohl schwer in glänzende Einzelaktionen verliebt und wusste Dungas großartig fluiden und von Zusammenarbeit geprägten Fußball nicht zu schätzen. Bisher zahlt sich diese Mentalität sehr sehr negativ aus. In der Form von 2011 ist Brasilien kaum ein Titelkandidat für die landeseigene Weltmeisterschaft in drei Jahren.

3 Comments - Leave a comment
  1. Florian sagt:

    Finde ich super, dass hier haeufig geschrieben wird.

  2. Kopfhoerer sagt:

    Ich hatte Lust ab jetzt auf dem laufenden zu bleiben, aber wo ist der Link zum Feed ?

    • 44² sagt:

      Der ist in der rechten unteren Ecke des Headers. :)

      Aber wo du’s sagst, ist vielleicht bisschen versteckt. Werd mal schauen, dass ich den rechts in den Frame krieg. Danke!

      edit: Ist jetzt auch rechts und unten zu finden. Frohe Ostern.

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